Lesebühne: Karneval der Frauen

Geschrieben für die Lesebühne 3aufA4 zum Motto „Täteretätä“

Den Walter, den hätten wir nicht mitnehmen sollen, sagt Marlies, die Hummel. Walter, der Schornsteinfeger, läuft herum und erzählt allen, dass es einen Judo-Wurf gibt, der „de-ashi-barai“ heißt. Das hat er auf der Schautafel im Foyer gelesen. „Arschi….“ sagt Walter immer wieder kichernd und hält eine nach der anderen vom Training ab. „Arschi“ sagt Walter und schmunzelt durch seine Leitersprossen. Eine Angela Merkel im Hosenanzug stemmt 20 Kilo – lang die Arme vor der Brust.

Dem Walter fehlt der nötige Ernst denkt Marlies und schiebt ihren Hummelhut mit den großen Federfühlern darauf zurecht. Der aber ist wie er ist, nämlich ein bisschen zu groß, die Federfühlertischtennisbälle wippen keck vor und zurück und immer, wenn Marlies auf den Boxsack haut, verrutscht der Hut. Eine Clownsfrau mit Badekappenglatze macht Liegestütze.

Die Trainerin hat das längst gesehen, von wegen der Hut zu groß, und später wird sie Marlies unter vier Augen sagen, dass sie vielleicht lieber ohne trainieren sollte, oder gänzlich das Kostüm wechseln.

Die Trainerin selbst geht traditionell als Agneta von Abba. Im vergangenen Jahr hatten die Augenärzte nach Rosenmontag viel zu tun, das paillettenbesetzten Agneta-Kleid hatte die Strahlen der Laser Show von DJane Sally vervielfacht gespiegelt unkontrolliert durch den Raum geworfen und manch Netzhaut war dem nicht gewachsen. Eine Oberärztin in grünem Operations-Overall sitzt an der Beinpresse und schwitzt.

Marlies, die Hummel, hatte Walter, den Schornsteinfeger, aus Pflichtgefühl mitgenommen, Männer sind hier nicht gern gesehen, dafür hatte sie selbst gesorgt, aber der ist eher milde vom Wesen her und verspielt. Ist in Crivitz gestrandet, seine Frau hat beim Amt den Sachbereich Finanzen übernommen – Ach Walter – Mecklenburg – so viele Seen, wenn jetzt nicht, dann nie – und nun hat diese Frau, die ja auch Marlies Chefin ist im Amt, Sachbereich Finanzen – und Marlies ist die Chefin vom Crivitzer Carnevals Club – seine Frau jedenfalls hat den Walter, so einen echten Jecken aus dem Rheinland, beim CCC untergebracht, damit er Anschluss findet. Passen Du doch mal ein bisschen auf ihn auf – und immer dran denken, wenn er anfängt zu sabbern – den Kopf kurz in kaltes Wasser, dann geht’s wieder. Und lass ihn nicht so dicht an die anderen – die fühlen sich immer so provoziert von einem, der aus dem echten Karneval kommt… und mit Männern kann er generell nicht so gut… Eine Kosmonautin liegt auf der Hantelbank.

Aber so wird das auch mit Walter und den Frauen nichts, denkt Marlies. Und am liebsten hätte sie ihm den de-ashi-barai vorgeführt: Erst rangeln und am Jackett zerren und schließlich fände Walter seinen Fuß in der Luft und dann den Rest des Körpers und dann läge sie auf ihm, den Unterarm am Hals und solange drücken, bis Walters Lippen leicht blau anlaufen. Erst rufen sie Arschi – dann fassen sie an und schließlich schnüffeln sie im Schritt rum. Oft genug erlebt. Da mag die Besitzerin noch so seriös daherreden.
 
Nebenan bebt der Boden. Da üben die Funkenmariechen. Mit einer Rugby-Spielerin – extra eingeflogen aus Neuseeland. Sie ist Maori und tanzt den Haka wie keine andere. Grimassen, Sprünge, Gefuchtel mit Armen und Beinen – ein wildes Ritual. Dazu: gemeinschaftlicher Gesang. Seit sie das den Funkenmariechen beigebracht hat, halten die Herren vom Elferrat Abstand.

Der Elferrat ist das letzte Überbleibsel der alten Zeit. Elf Männer mittleren Alters mit Mützen haben in ihrem Gehege alles, was sie brauchen: ein Rednerpult, ein Podcast-Studio, ein Rennrad, ein Laufband, eine Lesebühne und ein paar Schaufensterpuppen, die automatisch alle Viertelstunde applaudieren. Auf allen Handys ist ausschließlich eine Seite zu erreichen – eine Facebook-Kopie mit Gruppen wie „Wir Kinder der 60er“, „Warum Boomer besser im Bett sind“ und „Erklärs mir, Schatz!“

Vorhin ist Marlies mit Walter etwas zu dicht am Gatter vorbei gegangen, da ist der ganz nervös geworden, hat Alaaf und Helau gehechelt und wollte, so schien es Marlies, unbedingt den Schaufensterpuppen den Rücken tätscheln. Und der Elferrat hatte eifersüchtig zurück gebölkt: „Crivitz man tau, Crivitz man tau“. Selbst ein paar Spritzer aus der Katzenpissepistole konnten die Herren nicht beruhigen. Erst als Walter außer Sicht war, kehrte Normalität ein.

In einem Nebenraum des Crivitzer Karnevals Dojos färben sich die Wände rot. Zwei Revolverheldinnen trainieren auf Eseln den Nahkampf. Dann doch ohne Esel. Sind einfach sehr instabil, diese Karnevals-Esel, haben schnell Rücken, gerade die Hintern und dann dieses glitschige Kunstblut an Brust, Kopf und Beinen und schließlich auch auf den Matten, an den Sandsäcken und am Schaukasten… das geht echt schwer raus. Die Trainerin freut sich, dass der Raumpfleger pauschal bezahlt wird.

Dann passiert, was Marlies befürchtet hatte – Walter ist einer Marie Curie in die rechte Gerade gelaufen. Hat er nicht so gut vertragen. Das Blut zumindest ist echt. Musste ja so kommen, denkt Marlies, ist hoffentlich nichts kaputt gegangen. Sonst kommt die Finanzerin aus dem Amt am Ende noch mit der Arztrechnung. Und: Na das wird ja frostig Montag im Büro.

Marlies wird in diesem Jahr wieder eine Büttenrede halten. In ihrer Paraderolle als Biene Sabine. Da wird sie ihre Idee vom idealen Karnevalsverein etwas auf die Schippe nehmen, gerade so viel, dass ihr Konzept am Ende noch logischer erscheint, Bienenstock, Bienenstich, Königin, Honigbienen, Drohnen… Die Natur als Vorbild.

Willst Du in Ruh den Fasching feiern

und dir gepflegt das Hirn verleiern

und keiner furzt und tatscht und bockt

dein Vorbild sei: der Bienenstock.

Täteretätä. Danach treten die Frauen vom Männerballett auf.

Der Sandsack hat nun schon tiefe Einbuchtungen, da, wo Marlies hin drischt seit einer halben Stunde, nun ist ihr die Hummel-Kappe gänzlich über die Augen gerutscht, die Federfühlertischtennisbälle wippen im Takt der Schläge. Natürlich ist Marlies bewusst, dass ihr Konzept „Bienenstock“ Logik-Lücken hat, aber das sie weiß auch: wer beim Karneval nach Logik sucht, macht grundsätzlich etwas falsch.

Als an diesem Abend eine Reporterin von der Gazette des Karnevallandesverbandes die Marlies fragt, ob es in der Entwicklung des Karnevals in Crivitz auch andere Möglichkeiten gegeben hätte, als nun ausgerechnet ein Selbstverteidigungstraining für Frauen verpflichtend einzuführen, da sagt sie nach kurzer Überlegung, sie hätten auch kurz darüber nachgedacht, ihre Männer besser zu erziehen, aber das war den Crivitzerinnen dann doch zu unsicher.

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