Geschrieben für die Lesebühne 3aufA4 zum Motto „Täteretätä“
Flensburg – Elch Erik und Möwe Sigi. Gummersbach – Gummi. Ein Känguru. Aber Gummi durfte nicht mit zum Auswärtsspiel. Sitzt in seiner Kiste im Oberbergischen Aber hier sind ohnehin alle Team Möwenelch.
6.300 Leute in der Halle, früher Campushalle, dann Flens-Arena, jetzt: GP Joule Arena. Kinder in Trikots ihrer Helden, Spieler der Aufstiegsmannschaft von 1984, „Einmal Flensburg – immer Flensburg“ – weiße Schrift auf rotem T-Shirtstoff. Ein Familien-Event.
Die da unten auf dem Parkett zwischen den Werbebotschaften, die waren alle gerade erst im Fernsehen. Eine Mannschaft voller Weltmeister. Dänen. Überall Dänen. In der Innenstadt in den Einkaufstempeln, auf der Förde, auf dem Handballparkett. Kevin, Lukas, Mads, Niclas, Emil, Lasse, Simon.
Der Einlauf der Mannschaften: eine große Inszenierung. Die Gäste aus Gummersbach werden verhalten begrüßt, dann wechselt das Licht auf dramatisch – zehn Leute versuchen einen Tunnel aufzustellen, durch den die Flensburger einlaufen sollen, eine Art schwarze Hüpfburg, nur eben als Tunnel, Döner-Werk steht drauf und der Tunnel will sich partout nicht aufrichten. Aber die Halle und der Hallensprecher können nicht warten – brüllen Namen ins zuckende Licht – schließlich steht alles und die Spieler zu den Namen finden sich ein, laufen durch den Tunnel, zwischen zwei Bierflaschen hindurch, dann: Abklatschen, Umarmungen, Lachen. Der kleinste Handballer auf dem Spielfeld ist 1.80m – der größte 2 Meter und 3. Wer zufällig zwischen zwei dieser Körper gerät – rein hypothetisch – kann dem Leben Adieu sagen, wird zerrieben und am Ende als Hallenstaub vom Hausmeister davongefegt.
Von Gummersbach, der eine, der Köster, der ist doch auch bekannt, aber der ist mit Deutschland ausgeschieden, genau. Kein Weltmeister. Geht aber immer dahin, wo es weh tut. Und Mahe kann man auch kennen… Franzose, Rückraum Mitte. Beim ersten Angriff der Gummersbacher ist es in der Halle mucksmäuschenstill.
Jura-Jonas erklärt BWL-Björn dass er das Aktienpaket nun doch abstößt und man will sich ja auch mal was gönnen. Wo sind wir hingeraten? Gollan macht währenddessen aus der Bedrängnis einen vierfachen Salto über die gegnerische Deckung und legt den Ball sacht hinter den Torwart. Umarmung. Jura-Jonas Frau verteidigt den Thermomix und BWL-Björns Begleiterin will alles selbst machen. Kirkelöke wirft den Ball in Hüfthöhe durch die Deckung, die Trikots der Gummersbacher flattern, die Kugel schlägt ein und in den Jubel sagt der hinter mir, der solle doch nicht immer so eine Show machen, der Kirkelöke. Das geht auch mal schief. Umarmung.
Die Hölle Nord – der Fanclub. Ausfuchste Sprechchöre, alle am Platz gut eine Stunde vor Spielbeginn schon, Trikots, Schals, blaublaublauweißweißblaublaublaubisschenrot… BWL-Björn sagt, wenn die Leute ihre Energie mit der gleichen Hingabe in den Aktienhandel stecken würden, sie wären alle reich. Wenn das wirklich gilt, bleiben die Wikinger arm – die sitzen der Hölle Nord gegenüber – gehören zwar zum älteren, aber eben auch zum deutlich leiseren Fanclub ihrer Mannschaft.
Auf dem Parkett passiert schlicht Übersinnliches – Bälle, die sich von selbst Hände suchen, die Schwerkraft hat hier rein gar nichts zu sagen. Da sind Menschen, die sich übel weh tun, um dann einander in den Armen zu liegen, die rangeln und schubsen, zerren und ziehen, springen, schweben, von der Tor-Aus-Linie in die Luft gestiegen, ungünstiger Winkel und dennoch: Tor.
Ein Kopftreffer. Die Halle raunt. Ach komm, sagt das Gesicht des Getroffenen, der Wurf beschleunigt den Ball auf gerade einmal 100 Km/h, da spielt ich doch weiter! Gelb ist der Torwart und gelb zieht den Ball an. Sagt der hinter mir. Warum der Torwart der Gummersbacher dann grün trägt, frage ich und dann ist Halbzeitpause. Gürkchen auf den Hotdog? Unbedingt! Soße auch? Was denkst Du denn, trocken Wurst kann ich auch zuhause essen.
Trikot 80 Euro. Kartenzahlung möglich. Dafür gibt es ein weißes Hemd mit viel Werbung und einem klitzekleinen Flensburg-Handewitt-Logo in Brusthöhe. Keine Schlange.
Und dann kommen alle zu spät in unseren Block und stehen im Weg, weil, wie wir nun wissen, es der Dauerkarten- und Sponsorenblock ist, hier sitzen die, die alles schon gesehen haben, die wissen, wie es besser ginge, die hier sind aus dem gleichen Grund, aus dem andere zum Theaterball gehen, sehen und gesehen werden und eine Empfehlung abgreifen für einen Ort für das Mitarbeitermotivationsseminar und fünf Minuten vor Schluss schon wieder die Treppe empor keuchen. Jura-Jonas und BWL-Björn mit ihren Freundinnen müssen noch ihre Mäntel aus dem VIP-Bereich holen, sie diskutieren, wer geht. Und alles während die da unten so kunstvoll Tore werfen, dass jeder telleraufstöckendrehender Akrobat des chinesischen Staatszirkus vor Neid in seine Schlangenfrau beißen würde. Erst laufen und rangeln sie und dann: Tor. Fast 65 mal geht das so.
Und dabei ist überhaupt nicht klar, dass die Flensburger diese Partie gemütlich nach Hause tänzeln, die anderen haben Köster und Mahe und stellt sich heraus: die anderen Gummersbacher können auch Handball spielen. Und fünf Tore Vorsprung sind ja bei diesem schnellen Sport in Wahrheit fix aufgeholt. Das wissen hier aber vor allem die Leute aus der Hölle Nord – die kleben singend und klatschend an ihren Stehplätzen, die Vorsänger heben die Megaphone – andere, so scheint es, können gut damit leben, das Ergebnis bei der Heimfahrt auf dem Handy zur Kenntnis zu nehmen.
Am Hotdogstand legen Studenten die letzten Gürkchen wieder in die Tupperbox, sparsam ist der Norden, die vom Fernsehen fragen Spieler und Trainer nach dem Spielverlauf und die antworten überraschend klug und sehen dabei aus wie aus dem Ei gepellt. Erik der Elch tanzt mit ein paar Kindern einen Wikingertanz und die Möwe Sigi fliegt heim. Gummi – das Känguru-Maskottchen vom Gummersbacher Verein für Leibesübungen träumt in seiner Kiste im Oberbergischen von Heiner Brand und Jo Deckarm von 12 Meisterschaften, fünf Pokalsiegen und dreizehn internationalen Titeln, lange ist es her, derzeit dümpeln die Gummersbacher auf dem zehnten Platz der Tabelle vor sich hin, immerhin vor NRW-Konkurrenten Lemgo. Doch es gibt Trost: auch an der Tabellenspitze der Handball-Bundesliga ist es gerade nicht wie gewohnt, die Flensburger nur auf Platz vier – vor dem Erzrivalen Kiel immerhin, aber an der Spitze haben sich eingerichtet Melsungen, Hannover und Berlin. Also dann, beim nächsten Mal Berlin… ist ja gar nicht so weit…